Erster Tag im Centro de Salud Notaufnahme, 19.09.08
Das erste Mal war ich zusammen mit Raquel Flores im Hospital, da sie die Chefin kennt, die allerdings nicht anwesend war (habe sie auch noch nicht gesehen seitdem). Deshalb sind wir dann zum “ranghoechsten” Arzt gegangen, bei dem ich mich kurz vorgestellt habe. Er meinte, alle Leute, die helfen wollen, sind immer herzlich willkommen. Er bestellte mich dann zu 7.00Uhr in fuenf Tagen, wo ich dann rumgefuehrt werden sollte.
Am besagten Termin passte ich ihn dann ab und er brachte mich zur Emergencia (Notaufnahme) – eigentlich keine schlechte Wahl, wie ich fand. Doch die “Auxiliar” (so was wie Krankenschwester, nur nicht studiert) Juanita, die mich unter ihre Fittiche nahm, hatte leider nicht besonders viel fuer mich zu tun. Wenn naemlich neben doch noch vorhandenen sprachlichen Maengeln auch noch die fachlichen dazukommen (ich werde haeufig gefragt, ob ich Krankenschwester bin oder Medizin studiere, was ich dann verneinen muss, mit dem Zusatz, dass ich grad erst mein Abi gemacht habe), wird es schwierig. Ich kann zwar mittlerweile schon theoretisch Spritzen aufziehen, aber eben nur, wenn die Loesung nur aus einem Medikament bestehen soll. Sobald Gemische gespritzt werden, bin ich schon keine Hilfe mehr. Heute, an meinem 2.Tag hier in der Notaufnahme, konnte ich immerhin schon einigen Patienten, die in der Notaufnahme ankamen, sagen, dass die Aerzte gerade noch auf Visite sind und die Krankenschwester auf einer anderen Station und sie deshalb bitte draussen warten sollen. Ausserdem habe ich schon Papiere vorbereitet, die fuer Urinproben und erste Notizen verwendet werden. Wenn es auch nur wenig ist, was ich machen kann, ist es doch schon mehr als letztes Mal und wenn es jedes Mal in noch so kleinen Schritten vorwaerts geht, dann geht es immerhin vorwaerts und ich kann die Fortschritte sehen und werde irgendwann richtig etwas zu tun haben.
Vielleicht hat die Oberschwester, die Juanita gerade fragen geht, ja eine Aufgabe fuer mich. Ich koennte lernen, wie man Patienten spritzt.
So lange ich dabei nicht umkippe... Dazu muss ich sagen, dass ich am Mittwoch, nachdem ich 3 Stunden rumgesessen hatte, gegen 11.30 Uhr das erste Mal etwas zu tun bekam. Es kam ein Junge mit einer ziemlich boesen Schnittwunde im Zeh und ich habe dann die Spritze zur lokalen Betaeubung vorbereitet und sollte dann der Aerztin zur Hand gehen, waehrend der Junge vor Schmerzen schrie und weinte. Das war dann wohl doch zu viel fuer mich, ich merkte, wie mir langsam schwindelig wurde, schob es aber darauf, dass mir schon den ganzen Tag ein wenig uebel war. An das Waschbecken gelehnt sackte ich dann wohl in mich zusammen und habe erst wieder mitbekommen, wie Juanita und die Aerztin mich auf einen Stuhl zogen. Andere Ursachen fuer mein Umkippen koennten auch die extrem kalte Klimaanlage in der Emergencia sein, dass ich nicht so viel zum Fruehstueck gegessen hatte oder eben dass ich dem Anblick von so viel Blut nicht standhalte.
Als dann gerade Peter, seine Freundin und ihre Mutter (Raquel) rein kamen, sahen sie nicht Lisa, die im Krankenhaus hilft, sondern Lisa, der geholfen werden muss. Andrea, Peters Freundin, die auch den Spanischunterricht macht, brachte mir dann was zu trinken (mit Zucker und Elektrolyten), damit ich mich wieder erholte, waehrend Peter ein bisschen auf deutsch mit mir redete, wobei mir sehr willkommen war, mich nicht anstrengen zu muessen, um etwas zu verstehen.
Er beglueckwuenschte mich dann zu meinem ersten richtigen medizinischen Erlebnis, fragte mich aber auch, ob ich jetzt immer noch Medizin studieren wollte. Das wird sich wohl in den naechsten Monaten hier im Krankenhaus rausstellen, denke ich. Er gratulierte auch zu meinem ausserordentlich hohen Grad an Frustrationstoleranz. 100 Tage Anstrengung (eine der meist benutzten Redewendungen meiner Organisation) – das waere rund 10 Mal im Krankenhaus arbeiten, an denen ich dann 10 Mal umkippen koennte, hat er mir vorgerechnet. Aber ganz so schlimm wird’s schon nicht werden. Ob ich das Ganze auch meinen andern drei (zukuenftigen) Mitbewohnern erzaehle, muss ich sehen.
Nach dem Mittagessen und nachdem ich mich vom Schrecken erholt hatte, bekam ich dann doch endlich meine Fuehrung durch's Centro de Salud, wobei mich Dalia, eine Psychologin, gleich allen vorstellte und meinte, ich wuerde ihnen ein paar huebsche Deutsche mitbringen :-) . Sie ist vielleicht etwas uebertrieben herzlich und aufgesetzt, aber wenigstens zeigt sie mir, dass sie es gut findet, dass ich hier bin. Tatsaechlich gibt es hier einige sehr interessante Abteilungen, wie z.B. das Labor und ein Malaria- und Dengue-Prophylaxe-Programm, wo die Mitarbeiter ins Umland fahren, um Mueckenvorkommen und Aehnliches zu protokollieren. Auch bei einer Sprechstunde der Kinderaerzte waere ich gern dabei, vielleicht kann ich sogar bei einer Geburt zugucken?
Vielleicht fuehre ich aber auch den Alphabetisierungsunterricht von Dalia weiter oder richte eine Spiel- und Leseecke im Warteraum ein. Dort koennte ich mich dann mit den Kindern beschaeftigen, die manchmal mehr als 4 Stunden warten muessen, um behandelt zu werden. Es gibt so Einiges, was man hier tun kann, nur muss ich erstmal ein wenig beobachten, gucken wie alles funktioniert und die Sprache der Mediziner lernen, um meine eigenen Ideen einzubringen und eine sinnvolle Taetigkeit zu finden.
Letztendlich sind mir hier – ausser den finanziellen – keine Grenzen gesetzt, da ich als Weisse in der Kleinstadt Nueva Guinea fast alles realisieren kann, so lange ich nur genug Eigeninitiative, Willen und Kreativitaet zeige. Das haben mir jedenfalls die Ehemaligen mit auf den Weg gegeben.
Meine Arbeit und ihr Nutzen sind also nicht mehr und nicht weniger als das, was ich daraus mache!
Zweiter Tag – Notaufnahme 19.09.08
Am Anfang war es aehnlich wie am ersten Tag – wenig zu tun. Es ist auch immer noch nicht der pure Stress, aber die Sachen, die ich heute gelernt und getan habe, lohnen sich wenigstens aufgezaehlt zu werden: Ich habe bei Patienten die Temperatur gemessen, Einweisungspapiere vorbereitet (wobei ich ein Problem hatte, mich zwischen deutscher Effizienz und nicaraguanischer Gemuetlichkeit zu entscheiden), mich mit Aerzten und Pflegern unterhalten, beim Naehen einer Schnittwunde (Unterschenkel) assistiert (also Mullbinden gereicht, mit Alkohol getraenkt und den Verband festgeklebt), dabei fast immer hingeguckt und bin nicht umgekippt! Als aber jemand mit nur noch einer halben Fingerkuppe kam, wollte ich es dann doch nicht riskieren... Zu guter Letzt hat mir Juanita noch gezeigt, wie man den Maximal- und Minimaldruck misst. Beim naechsten Patienten kann ich es dann ausprobieren :-) .
Am Ende des Tages habe ich dann den Alphabetisierungs-Kurs gemacht, weil Dalia nicht konnte. Meine Schueler sind dabei 3 Maenner mittleren Alters, zwei von ihnen bewachen den ganzen Tag lang den Eingang (und auch mein Fahrrad, was dort unangeschlossen steht), der andere ist sozusagen Hausmeister. War schon ein komisches Gefuehl, Maenner zu unterrichten, die in diesem Gebiet zwar nur das Wissen von Kindergartenkindern haben, sonst aber schon viel mehr im Leben erlebt haben als ich. Ausserdem ist es schwierig, einzuschaetzen, wie viel ich ihnen auf einmal beibringen kann. Naja, da Dalia damit angefangen hat, immer 4 Buchstaben pro Stunde in alphabetischer Reihenfolge zu lernen (was ich eigentlich fuer wenig sinnvoll halte), habe ich damit weitergemacht. Mal sehen, ob ich sie doch von einem anderen Modus ueberzeugen kann. Sie hat naemlich ziemlich tolle Materialien von einem Alphabetisierungsprogramm der Regierung erhalten (mit Videos und Schreibheften und allem) und arbeitet damit leider kaum.
Sonstige – allgemeine – Eindruecke vom Krankenhaus: wenig Aerzte; sehr interessierte, aber teilweise ziemlich unwissende (was Geographie oder Europa angeht) Mitarbeiter; wenig Ausruestung; Stress; Abgestumpftheit (wie sie einem wohl in jedem Krankenhaus bezueglich von Wunden und Vorsicht begegnet); wartende Patienten (nur die wirklich offenen Wunden werden in der Notaufnahme sofort behandelt, das meiste andere muss warten.
Wie die Zustaende und Umstaende hier wirklich sind, werde ich aber erst mit der Zeit und ueber Gespraeche mit den Schwestern und Aerzten herausfinden und wenn ich auch ein deutsches Krankenhaus mal aus der Perspektive der Mitarbeiter betrachte... Bis jetzt sind meine Beobachtungen wohl eher oberflaechlich und allgemein...
Soweit von mir und meiner Arbeit im Hospital. Das naechste Mal ist dann die Kirche oder die Schule dran oder sonst etwas, was ich erlebt habe!
Eure "Aerztin in Ausbildung" Lisa
PS: Vergesst nicht, ins Gaestebuch zu schreiben!!!
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